In den letzten Jahren begegnete mir beim Wandern immer häufiger ein Begriff, den ich lange eher skeptisch betrachtet habe: Ultraleicht-Wandern. Gemeint ist damit nicht etwa schneller oder weniger zu gehen, sondern vor allem eines – das konsequente Reduzieren des Gewichts der Ausrüstung. Lange Zeit hielt ich diese Philosophie für eine Modeerscheinung, die mehr aus dem amerikanischen Outdoorraum importiert wurde, als dass sie wirklich zu den Alpen passen würde. Doch wie so oft hilft es wenig, sich ein Urteil zu bilden, ohne etwas selbst ausprobiert zu haben.
Also habe ich es getan: Ich habe meine klassische Wanderausrüstung bewusst zur Seite gelegt, Inhalte meines Rucksacks radikal hinterfragt und mich auf mehrere Touren mit einem nahezu ultraleichten Setup begeben. Der wohl größte Unterschied fällt bereits vor der Tour auf – beim Packen. Dinge, die jahrelang als selbstverständlich galten, stehen plötzlich zur Disposition. Brauche ich wirklich ein zweites Shirt? Eine schwere Regenjacke? Den großen Kocher? Stattdessen ziehen minimalistischer Rucksack, leichte Isomatte, dünnere Kleidungsschichten und funktionale Multitools ein. Das Ziel: ein Basisgewicht, das deutlich unter dem liegt, was ich sonst gewohnt bin.
Auf dem Weg selbst macht sich der Unterschied sofort bemerkbar. Ein leichter Rucksack verändert das gesamte Gehgefühl. Die Bewegungen werden flüssiger, der Schwerpunkt sitzt näher am Körper, und gerade auf längeren Anstiegen ermüdet man spürbar langsamer. Auch Knie und Rücken danken es einem – ein Aspekt, den man mit zunehmender Wandererfahrung nicht mehr unterschätzen sollte.
Gleichzeitig zwingt einen das Ultraleicht-Wandern zu einer anderen Form der Aufmerksamkeit. Wer weniger dabei hat, muss genauer planen. Wetterberichte werden wichtiger, Pausen bewusster gesetzt, und Improvisation tritt an die Stelle von Absicherung durch Ausrüstung. Während man sich mit klassischem Setup oft durch Material „freikauft“, ist man beim Ultraleicht-Wandern gezwungen, Erfahrung und Umsicht stärker einzubringen.
Natürlich hat diese Herangehensweise auch ihre Schattenseiten. Komfort wird reduziert, vor allem bei längeren Pausen oder Übernachtungen. Eine dünne Isomatte ersetzt kein dickes Polster, und eine minimalistische Regenlösung kann bei anhaltendem Schlechtwetter an ihre Grenzen kommen. Gerade im hochalpinen Gelände oder bei unbeständigen Wetterlagen bleibt für mich persönlich ein klassisches, etwas schwereres Setup weiterhin die vernünftigere Wahl.
Im direkten Vergleich sehe ich das Ultraleicht-Wandern daher nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung. Für mehrtägige Hüttentouren, Sommerwanderungen in den Voralpen oder gut planbare Strecken ist der Ansatz äußerst reizvoll. Für Wintertouren, Klettersteige oder anspruchsvolle Grate hingegen bleibe ich bei bewährter, robuster Ausrüstung. Was mir das Experiment vor allem gezeigt hat: Ultraleicht-Wandern ist weniger eine Frage des Gewichts als eine Haltungsfrage. Es geht darum, sich ehrlich zu fragen, was man wirklich braucht – und was man nur aus Gewohnheit mit sich herumschleppt. Allein diese Erkenntnis hat meine Art zu packen nachhaltig verändert, selbst wenn ich wieder schwerer unterwegs bin.
Ich werde den ultraleichten Ansatz daher weiterhin verfolgen, testen und anpassen. Nicht dogmatisch, nicht um jeden Preis, sondern situationsabhängig.
EUER DR. SEBASTIAN VOIGT