Dr. Sebastian Voigt - Wandern in München

Die Rotwand

Man sagt, es gibt höhere Berge.

Größere Berge.

Berühmtere Berge.

Berge mit Seilbahnen, mit Hotels, mit Souvenirläden, mit Warteschlangen bis zum Gipfelkreuz.

Die Rotwand? Die steht da einfach.

Still.

Als müsste sie niemandem etwas beweisen.

Und vielleicht ist genau das ihre größte Stärke.

Denn während unten noch Handys klingeln, Termine warten und E-Mails nach Aufmerksamkeit schreien,

beginnt hier oben eine andere Welt.

Eine Welt, in der die Uhr nicht nach Minuten tickt, sondern nach Höhenmetern.

Eine Welt, in der man nicht fragt:

„Wie schnell komme ich an?“

sondern:

„Wann habe ich eigentlich aufgehört, anzukommen?“

Jeder Schritt nach oben ist ein kleiner Handel.

Du gibst Bequemlichkeit ab.

Und bekommst Aussicht zurück.

Du gibst Hektik ab.

Und bekommst Stille zurück.

Du gibst Kontrolle ab.

Und bekommst Vertrauen zurück.

Vertrauen in deine Beine.

In deinen Atem.

In den nächsten Schritt.

Und irgendwann stehst du oben.

Nicht als Held.

Nicht als Sieger.

Nicht als Bezwinger eines Berges.

Denn Berge werden nicht bezwungen.

Sie lassen uns höchstens für einen kurzen Moment zu Gast sein.

Und dann stehst du dort.

Der Wind streicht über die Grate.

Die Gipfel ringsum wirken plötzlich nah.

München liegt irgendwo in der Ferne.

Und die Probleme, die unten so groß aussahen,

werden kleiner.

Nicht weil sie verschwunden sind.

Sondern weil du endlich wieder weißt, wie groß die Welt eigentlich ist.

Die Rotwand lehrt keine Lektionen.

Sie hält keine Vorträge.

Sie schreibt keine Ratgeber.

Sie steht einfach da.

Seit Jahrhunderten.

Und sagt mit jedem Felsen, mit jedem Grasbüschel, mit jeder Wolke:

„Du musst nicht immer schneller werden.

Manchmal reicht es, einfach weiterzugehen.“

Und vielleicht

ist genau das

der Gipfel.